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Ritva Roeminger-Czako

Ritva Röminger-Czako

ist eine finnische Kunsthistorikerin und Kuratorin und lebt in Bonn, Deutschland. Sie ist spezialisiert auf finnische Gegenwartskunst, finnisches Design und Kunsthandwerk. Sie hat bereits eine Vielzahl von Ausstellungen in ganz Europa kuratiert. Sie ist darüber hinaus Autorin und hält regelmäßig Vorträge über finnische Kunst, Architektur und Kultur. Mit Markku Piri arbeitet sie schon seit 1990 und gemeinsam hat sie bereits an einer Vielzahl von Ausstellungen von Markku Piri mitgewirkt.

Markku Piri – Ein Freigeist und Suchender nach Schönheit

„Kreative Menschen sind neugierig, flexibel, beharrlich, unabhängig und besitzen enormen Abenteuergeist und Spaß am Spiel.“ – Henri Matisse
Der finnische Designer und Künstler Markku Piri absolvierte 1979 die University of Industrial Arts in Helsinki mit einem Abschluss in Textilkunst. Seine Karriere begann vielversprechend als er seinen ersten Job bei Marimekko landete (1979-81), dem legendären finnischen Textildesign-Unternehmen. Es war eine großartige Lerngelegenheit für einen angehenden Designer, aber es stellte sich bald heraus, daß Textildesign allein nicht genug war für diesen jungen, vielseitig talentierten Künstler, der vor Kreativität förmlich brannte. Bereits in der frühen Phase seiner Karriere begann Piri, seine Rolle zu erweitern, indem er eine Vielzahl von neuen Materialien ausprobierte und immer neue Herausforderungen annahm.

Heute besitzt dieser gewagte Eklektiker einen Lebenslauf von atemberaubender Vielfalt. Neben Textilien hat er Schuhe, Schmuck, Theaterkostüme, Bühnenbilder und Keramikfliesen entworfen. Er hat Küchendesigns geschaffen und sogar zu ihrer industriellen Produktion durch Malerei mit moderner Holzmaseriertechnik beigetragen. Er hat Glasobjekte, Gemälde, Drucke und Fotografien erstellt. Er entwarf sogar das visuelle Design und das finnische Team-Kit für die Leichtathletik Europa- und Weltmeisterschaften.

Ritva Roeminger-Czako

Er ist ein talentierter und analytischer Autor. Sowohl in der Ausstellungsarchitektur als auch in der Innenarchitektur hat er eine außergewöhnliche Gabe für die Kombination von Linien, Flächen, Farben, Formen und Räumen zu einem Gesamtkunstwerk, in dem das Licht eine wesentliche Rolle spielt. Markku Piri mit Stoffen für Finlayson (1984). Mit gutem Grund kann Markku Piri mit anderen weitreichenden Künstlern in der Kunstgeschichte verglichen werden wie Henri Matisse (1869-1954), der Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen kreierte und der erste Theoretiker der Moderne war. Schon in fortgeschrittenem Alter entdeckte Matisse die Möglichkeiten der Scherenschnitte und nutzte die Technik sogar für ein Künstlerbuch. Im Alter von 77 Jahren war er so von Glasmalerei inspiriert, daß er sogar die Architektur, Innen- und Glasfenster für die Chapelle du Rosaire in Vence, Frankreich entwarf. Was Markku Piri und dieser Meister der klassischen Moderne ebenfalls gemeinsam haben, ist ein natürlicher freier Fluss, Kunst zu kreieren und den Prozess zu genießen. Beide feiern die Schönheit der Welt in ihrer Arbeit und zeigen oft Visionen des Paradieses auf Erden. Auch für Markku Piri sind Farbe und Licht wesentliche Elemente. „Ohne Farben würde ich verrückt werden“ ist wohl Piris am meisten zitierter Satz.

Blau, die Farbe des Himmels und des Wassers, hat die Menschen im Laufe der Geschichte schon immer fasziniert, nicht zuletzt weil es eine gewisse mystische Qualität besitzt. Im alten Ägypten war es die Farbe der Götter. In Griechenland und Rom wurde Indigo nur durch Purpur übertroffen. Im Mittelalter war Blau das Symbol der Reinheit – daher Mariens blauer Mantel. Die Romantik lobte die „blaue Blume der Sehnsucht“. Für Wassily Kandinsky und Franz Marc, die Künstler Der Blauen Reiter Gruppe, symbolisierte Blau Spiritualität. Blau war die reinste und meditativste Farbe für den französischen Künstler Yves Klein, der seine Lieblingsschattierung, Ultramarin, sogar unter dem Namen „International Klein Blue“ patentierte. Blau ist auch Markku Piris Herz am nächsten, und während seiner Karriere hat er über 35 Jahre hinweg eine breite Palette seiner Schattierungen benutzt. Jedoch liebt er einen Farbton ganz besonders: das warme und festliche „Piri Blue“, dominiert von Kobalttönen.

Gemäß dem deutschen Expressionisten August Macke (1887-1914) haben gute Maler eine „physiognomische, geistige“ Vision und ein Auge für Farbe. Das sind definitiv Markku Piris Stärken, unabhängig vom Material, mit dem er arbeitet. Im Laufe der Jahre hat er diese Gabe weiter durch die analytische Studie von Farben und ihren Qualitäten weiterentwickelt. Er benutzt sowohl kühne, starke Kontraste und das gedämpfte Spiel der Variationen ein und desselben Farbtones. Er hat auch Erfahrung mit dem, was er die „grafische“ Schattierungsskala von Schwarz, Grau und Weiß nennt. In der deutschen Sprache wird diese Skala treffend als „Nicht-Farben“ bezeichnet.

Ritva Roeminger-Czako

Piri nutzt diese Skala gekonnt in seinen Schwarz-Weiß-Fotos, die das komplexe Zusammenspiel von Schatten und Licht, dunklen und hellen und positiven und negativen Formen wiederspiegeln. Piris ganzes Werk, mit seinen zarten, lyrischen Tönen und großzügigen, barocken oder expressionistischen Texturen, ist eine Farben-Meisterklasse, mit all seinem Ausdruck und Effekten. Foto von Markku Piri. 1981 verließ Markku Piri Marimekko und zog nach New York, das seine Heimatbasis bis 1991 wurde. Er wollte seinen Horizont zu erweitern und sich von den dominierenden Einflüssen der finnischen Design-Szene befreien: die funktionalistische Tradition mit ihrem Ideal von sauber geschnittenen Formen und knappen Farben, für die auch nur die kleinste Dekoration fast eine Straftat bedeutet. Während dieser Phase reiste Piri ausgiebig. Er verbrachte Zeit in Portugal und Italien, arbeitete in Projekten mit US-Firmen, in Japan, Schweden, Deutschland und Finnland. Noch heute ist das Reisen eine von Piris Leidenschaften. Er liebt es auch, in der Ruhe seiner Sommerresidenz im Herzen Ostfinnlands zu entspannen. Wo auch immer er hingeht, hält Piri alle seine Sinne offen und findet neue Inspiration für seine Arbeit. Kunst, Design und Architektur – er ist ein Allesfresser. Er interessiert sich für hohe Qualität jeder Art, ob in antiken griechischen Skulpturen, italienischen Renaissance Meisterwerken, Art Nouveau oder internationaler moderner Kunst.

Ritva Roeminger-Czako

 

Piri ist fasziniert von alten Städten, von ihren von der Zeit geformten Schichten. Er wird immer von einem alten Haus stehenbleiben, um Farben zu betrachten, die sich durch abschälende Farbeschichten offenbart. Piri bringt von seinen Reisen unzählige Schnappschüsse mit zurück, als visuelle Notizen von urbanen Räumen, Oberflächen, Formen und Farbtönen sowie natürliche Details und Atmosphären. Impressionen aus Architektur, Design, bildender Kunst und Natur sammeln sich im Kopf des Künstlers und tauchen in seinen Werken durch einen oft unbewussten Prozess wieder auf. Heijastus (Reflexion). Im Herzen der finnischen Erfahrung steht: der Sonnenuntergang oder Sonnenaufgang am See.

Markku Piri hat im Jahr 2017 eine Sammlung von Innentextilien für die finnische Eurokangas-Firma zur Feier des 100-jährigen Jubiläums der finnischen Unabhängigkeit kreiert. Ar hat die gleiche unkomplizierte Einstellung zu künstlerischen Einflüssen wie der große finnische Architekt Alvar Aalto (1898-1976), der sagte: „In der Vergangenheit war es schon immer möglich, international und offen zu sein und gleichzeitig sich selbst treu zu bleiben. Wir könne auch offen sein und Einflüsse aus alten Kulturen aufnehmen wie Italien und Spanien, aber auch von neuen wie z.B. den Vereinigten Staaten…“ In diesem Sinne bleibt Markku Piri immer sich selbst treu, und trotz aller Einflüsse, denen er sich aussetzt, setzt er seiner Arbeit einen ganz eigenen Stempel auf – es handelt sich immer ganz klar um „von Piri kreiert.“

Wie für so viele visuelle Künstler ist Musik essentiell für Markku Piris Arbeit. Er hat bereits zahlreiche Konzerte aus Liebe zu Jazz und klassischer Musik organisiert. In seinem Atelier spielt im Hintergrund immer Musik. Die multi-tonalen, dynamisch fließenden Farbschichten seiner Gemälde und Designs transformieren die Gedanken des Betrachters automatisch zu Musik. Es ist, als könne er Farbtöne in musikalische Töne verwandeln.

Finnland verfügt über eine langjährige Tradition der Glaskunst. Das finnische Glasdesign stieg in der Nachkriegszeit zu internationalem Ruhm auf, besonders in den 1950er und 60er Jahren des goldenen Zeitalters des finnischen Designs. Neben Fabrikfertigungen wurden die ersten innovativen plastischen Arbeiten von legendären Designern wie Timo Sarpaneva (1926-2006) und Tapio Wirkkala (1915-1985) kreiert, die mit finnischen Meisterglasbläsern zusammenarbeiten. Tapio Wirkkala war der erste Finne, der mit den italienischen Venini in Murano, Venedig zusammenarbeitete. Sowohl Wirkkala als auch Sarpaneva betonten, daß ihr Erfolg maßgeblich darauf beruht, daß Glasbläserei im Wesentlichen Teamarbeit ist. Sie respektierten die Geschicklichkeit und die Erfahrung der Glasbläser, und ihrer Meinung nach finden sich die besten von ihnen in Finnland und Murano.

Piri besitz gründliche Kenntnisse der finnischen Glaskunsttradition hat und bringt ihr großen Respekt entgegen. Zu Beginn seiner Karriere war er in den 1990er Jahren darauf bedacht, diese solide Tradition auf seine eigene Art und Weise fortzusetzen. Er entdeckte Glas als bezauberndes Material mit seiner fast magischen Kombination aus Licht, Farbe und Dreidimensionalität. Natürlich verstand er als Neuling in der Glaskunst die Ungeheuerlichkeit der Aufgabe, die er sich gesetzt hatte – aber Piri wäre nicht Piri, hätte er sich dieser Herausforderung nicht gestellt. Er begann, die Geheimnisse der Glasherstellung zu lernen, mit Bescheidenheit, aber auch Neugier und Ehrgeiz.

Wie bereits Sarpaneva und Wirkkala, entschied Piri, daß auch er einen Weg finden musste, um mit den besten Profis in diesem Feld arbeiten zu können. 1998 schuf er seine ersten Glasarbeiten in Zusammenarbeit mit Jaakko Liikanen, dem finnischen Meister-Glasbläser, der sein Handwerk durch viele Besuche in den Studios der Murano Meister verfeinert hat.

Aus Jahren seiner Arbeit mit Glas hat Piri allmählich ein tieferes Verständnis für dieses temperamentvolle Materials gewonnen, das manchmal sogar die erfahrensten Meister besiegen kann. Ein Moment der Ablenkung, eine falsche Bewegung oder ein Fehlurteil können das ganze Stück ruinieren. Seit 2011 arbeitet Piri mit der Lasismi-Genossenschaft zusammen, der jungen Generation talentierter finnischer Glasmacher: Joonas Laakso, Kaappo Lähdesmäki und Kimmo Reinikka. Mit ihnen hat Piri eine innovative Serie von skulpturalen Objekten mit einer fabelhaften Bandbreite geschaffen. In Piris internationaler Ausstellungstour zeigt er The Spirit of Paradise (2011-2012), bei dem es sich um Objekte mit vier verschiedenen Formen handelt, die sich frei in neue Formen und Schattierungen kombinieren lassen.

Piris Glasarbeiten kulminieren glanzvoll in den einzigartigen oder limitierten Glas-Skulpturen und Objekten, die speziell für diese Ausstellungsreihe kreiert wurden. In Murano werden sie von den venezianischen Meistern produziert: Pino Signoretto, Gambaro & Tagliapietra, Simone Cenedese und Gianni Seguso. In Finnland arbeitet Piri mit der Lasismi-Genossenschaft in Riihimäki zusammen, um eine Reihe von einzigartigen Stücken zu kreieren, die er seine „Archaic Glass Series “ nennt. Die Hauptinspiration für diese Serie ist der Ausstellungsraum im Palazzo Medici Riccardi in Florenz und vor allem die ausgetretene Michelangelesque dreiläufige Treppe. Auf dieser Treppe wird Piri eine Installation als Hommage an die größten Renaissance-Meister gestalten.

Eine weitere Installation besteht aus einer monumentalen Perlenschnur, die in Zusammenarbeit mit Pino Signoretto kreiert wurde: die zart-getönten Time Zones Glas-Skulpturen und die Pfingstrosen-Serigraphie, alle ein zartes Zusammenspiel von Form und Farbtönen. Die riesige Perlenschnur ist Piris Art, uns an die venezianische Glasperlen-Tradition zu erinnern.

Im Mittelpunkt dieser wunderschönen Werke schwebender Klänge stehen zeitlose Formen, ein Spiel aus Transparenz und Deckkraft, durchscheinender und doch vielschichtiger Texturen und eine reiche Vielfalt an Oberflächenveredelungstechniken. All dies wird durch die Berührung mit Licht zum Leben erweckt.

Piris neueste und einzigartige Glaskunstwerke sind definitiv modern, aber dennoch respektvoll gegenüber Europas langer Geschichte der Glaskunst, angeführt von Murano. Einige Stücke in der Archaic Series erinnern an antikes römisches Glas, das sich in der Farbe von A Bottle of Whimsical Expectations wiederspiegelt, sowie in der dreidimensionalen Oberfläche von A Bottle of Myrrh, die die römische Quang- Glastechnik wiederspiegelt.

Trotz seiner außergewöhnlichen Bandbreite bleibt Piri seinen Wurzeln als Textilkünstler treu. Unter anderem präsentiert die italienische Tour eine neue Kollektion von Innenraumtextilien, die von der Textilfirma Eurokangas produziert werden. Mit seinen zehn malerischen Entwürfen basierend auf durch und durch finnischen Motiven wurde die Sammlung für das hundertjährige Bestehen der Unabhängigkeit Finnlands geschaffen, das in diesem Jahr gefeiert wird. Die Inspiration für die Sammlung stammt aus der finnischen Natur und den wechselnden Stimmungen der vier Jahreszeiten.

Bonn, Januar 2017